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Ein Überfall auf zwei Kaufleute

Reisen waren noch bis Mitte des 19. Jahrhunderts mit grossen Risiken und Strapazen verbunden. Besonders die Alpenüberquerungen stellten Gefahren für Reisende und Warentransporte. Doch auch im Flachland waren die Strassen oft in schlechtem Zustand. Die Gefahr kam dort eher von Wegelagerern. Diese Gefahr wurde im Mai 1811 dem Winterthurer Kaufmann Jakob Rieter, Partner des Hauses Gebrüder Greuter & Rieter in Aadorf (TG) zum Verhängnis. Die neue Zürcher Zeitung gab einen detaillierten Bericht des tragischen Ereignisses.

Zürich, 16. May Da die unglückliche Begebenheit des Raubes und der Mißhandlungen, welche die Herren Jakob Rieter von Winterthur und Rudolf Hanhart aus Zürich; vom Hause Gebrüder Rieter und Greuter aus Winterthur, auf ihrer Rückreise von der Frankfurter - Messe betrafen, in mehreren dffentlichen Blättern, theils unvollständig, theils entstellt erzählt worden, so dient folgendes als genaue Berichtigung.
Die HH. [Herren] Rieter und Haunhart reisten Dienstags den 30. April Abends 6 Uhr von Frankfurt ab, und wurden am 1. May Morgens früh gegen 2 Uhr nach Untergang des Mondes, zwischen Lautenbach und Hemsbach im Großherzogthum Baden, von einer Schaar Räuber mit fürchterlichem Gebrüll überfallen; und obschon sie freywillig alle ihre bey fich gehabten Effecten herzugeben offeriert hatten, wurden sie dessen ohngeachtet auf das schrecklichste mißhandelt. Herr Rieter eilte zuerst aus dem Wagen, und wurde mit großen dicken frisch im Walde geschnittenen Stäben, von denen man zwey auf dem Platze zurückgelassen fand, so lange geschlagen, bis er mit sechs· Kopfwunden ohnmächtig zu Boden sank. Herr Hanhart stürzte durch einen bald nach dem Aussteigen erhaltenen Schlag auf den Kopf, besinnungslos zu Boden, und blieb vermuthlich deßwegen beym Leben, weil man ihn für todt gehalten hatte.
Die beyden Unglucklichen wurden ihrer Uhren und Taschengelder beraubt, auch der Coffer gewaltsam eingeschlagen, und die darin enthaltenen Kleider und Effecten, zwar geringen Werthes, von den Räubern weggenohmen. An der gänzlichen Ausplünderung des Wagens wurden sie aber vermuthlich durch das Geräusch einer von Weinheim gekommenen Staffette verhindert, deren Ueberbringer sogleich nach Hemsbach zurückkehrte, um Lerm zu machen. Als Herr Hanhart zuerst wieder zum Bewußtseyn zurückkam, suchte er seinen im Blute gelegenen Freund aufzurichten, und dessen sehr starke Natur widerstand wirklich auch noch so weit, daß sie zu Fuß das Dorf Hemsbach erreichten, (wohin inzwischen der Postillon gefahren in der Beglaubigung, die Unglücklichen wären todt) und wo sich im Wagen die Meß-Cassa, Portefeuille, und selbst zuvorderst gelegene Baarschaft unbegreiflicher Weise noch vorfand.
Herr Rieter wurde sogleich dürch den gerufenen Dorf-Chirurgen besorgt, und nehmlichen Tags kam einer seiner geschätztesten Freunde mit einem der ersten Wundärzte Heidelbergs herbeygeeilt. Das Amt von Weinheim, welches die Untersuchung einzuleiten hatte, erlaubte nicht daß der Patient sogleich nach Heidelberg gebracht wurde, sondern es konnte erst am folgenden Tage geschehen. Nicht ohne Hoffnung ihn zu retten, haben die berühmtesten Aerzte Heidelbetgs allem aufgeboten, was die Kunst und sorgfältigste Pflege vermag; allein alles war umsonst, am 6. May Morgens 11 Uhr starb der rechtschaffene und von vielen bedauerte Mann, und es zeigte sich bey der später vorgenommenen Section, daß zwey der erhaltenen Wünden durchaus tödtlich waren. Nicht nur sind “einige Freunde des Verewigten von Frankfurt mit ärztlicher Hülfe herbeygeeilt, sondern die traurige Begebenheit hat überall die größte Sensation gemacht, besonders aber in Heidelberg, wo man von allen Seiten die lebhafteste Theilnahme äußerte.
Bey der Beerdigung haben ausser den dortigen Kauflenten, alle Schweizer auf der Akademie, und manche ihrer studierenden Freunde, so wie von den Herren Professoren und Beamteten, auch vorzügliche Männer aus andern Ständen sich beeifert, den Seligen auf dem lezten Wege zu begleiten; der Zulauf des Publikums war ausserordentlich. Die äußerst betrübten Hinterlaßenen und Freunde Rieters zollen hier diesen edlen Menschen allen, besonders aber den so verdienstvollen Aerzten und Beamten, öffentlich ihren lebhaftesten Dank.
Die Räuber und Mörder werden auf das strengste verfolgt; von zwey derselben, die gefänglich in Heidelberg sitzen, hat der Eine sich als Mitschuldiger bekannt und die uebrigen angegeben; es find herumziehende Räuber. Außer den bey diesen gefundenen Effecten, haben andere die verfolgt werden, auch dergleichen zurücklassen müßen, so daß Herr Hanhart noch vor seiner Abreise einen Theil des Verlorenen zurück erhielt.
Die badische Polizey giebt sich alle Mühe, der so sehr verlezten öffentlichen Sicherheit volle Genugthuung zuverschaffen.

Das Original des Artikels findet sich hier. Ausserdem findet sich auf der Website des Projekts Hessen-Martin eine detaillierter Bericht des Überfalls auf der Grundlage der Vernehmungsprotokolle und anderer Quellen.

Die Hölzerlipsbande beim Prozess in Heidelberg.
Die Hölzerlipsbande anlässlich des Prozesses 1811 in Heidelberg. (Bild: Wikimedia)
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